"Schulmassaker in Planung"?…

…vom Umgang mit Zivilcourage.

Haarsträubendes Beispiel für die fehlenden Onlinekompetenzen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern.

09.03.2007
Bad Salzuflen

Es war gegen Mitternacht, ich telefonierte mit einem Freund.
Er ist wie ich Administrator unserer Game-Server.
In diesem Moment wird er von einem Stammspieler darauf aufmerksam gemacht, das ein Mitspieler irgendwas von einem Massaker in der Schule in den Spielchat geschrieben hat.

Nun ist es leider nichts Ungewöhnliches, das Jugendliche die Grenzen des guten Geschmacks austesten, auch in der falschen Annahme, man sei ja anonym. Diese Spieler werden dann meist automatisch auf unseren Servern gesperrt, je nach Grad der Geschmacklosigeit entweder ein paar Tage oder auch für immer.

Wir schauten uns also das Serverlog des entsprechenden Zeitraums an um den betreffenden Spieler gegebenfalls zu sperren.

Stark gekürzt sah das Log so aus: (Images zum Vergrößern anklicken) Log
(Datum – Zeit – Nickname (playa) – Lokale Server ID (1877) – Globale Spieler ID (STEAM_0::6…)
Verbindet sich ein Spieler mit einem unserer Server wird ebenfalls seine IP Adresse gespeichert)

Dieser Spieler wurde daraufhin von uns für unsere Server permanent gesperrt.

Normalerweise wäre die Geschichte an dieser Stelle schon zu Ende.
Wir fragten uns aber, ob man so eine „Ansage“ an die Polizei weitergeben soll oder nicht.
Aus unserer Erfahrung vermuteten wir, dass es sich um ein geltungsbedürftiges, vermutlich auch gelangweiltes Kind handelt, das keineswegs vor hat, ein Massaker anzurichten. Wir kamen aber trotzdem zu dem Schluss, in diesem besonderen Fall der Polizei die Bewertung der Ernsthaftigkeit eines solchen Statements zu überlassen.

Unter der URL https://www1.polizei-nrw.de/internetwache/Start/
fand sich dann sogleich folgende Information:

Internetwache

Falls es noch Unsicherheiten wegen der Vorgehensweise gab, nun waren sie ausgeräumt.
Neben meinen persönlichen Daten kopierte ich nur Datum und Uhrzeit sowie die beiden Zeilen mit den Nickname-Umbenennungen aus dem Log in das Textfeld. Außerdem seine IP Adresse und die Bitte zu erfahren, wie mit solchen „Meldungen“ umgegangen wird.
Es folgte eine Bestätigung, das meine Daten gesendet wurden sowie der Hinweis, das meine IP-Adresse 87.181.230.49 registriert wurde, vermutlich um Mißbrauch vorzubeugen.

Am folgenden Vormittag meldete sich telefonisch die Polizei in Detmold und bat mich, eine Aussage zu machen.
Ich erklärte zwei Beamten der Polizeistelle in Bad Salzuflen die Zusammenhänge von Lokaler-ID, STEAM-ID und IP Adresse und übergab die entsprechenden Logfiles. Die 27 Seiten waren markiert, die entsprechenden Passagen rot unterlegt.
Die beiden Beamten konnten mit der Materie eigentlich nur so viel anfangen, als dass sie wussten, das es sich bei dem Online-Spiel auf dem Server um ein so genanntes „Killerspiel“ handelt.

Ich machte eine gut Verständliche und klare Aussage und hoffte, dass die Beamten in Detmold sich besser mit der Materie Internet auskennen und zurück fragen, falls Unklarheiten bestehen.

21.11.2007
Weimar, 6:10Uhr.

Polizeihauptmeister M. und PHM M. klingeln Sturm, weil sie den Hauseingang im Hinterhof nicht finden.
Ich wohne inzwischen in Weimar und bin nicht nur verschlafen, sondern auch ziemlich verwundert, was die Polizei Weimar von mir will.
Nachdem ich die beiden Herren in Zivil hereingelassen habe, erklären Sie mir den Grund für den Besuch.
Ich erfahre, dass gegen mich ein Verfahren wegen „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“ läuft.
Mir wird ein Durchsuchungsbeschluss vorgelegt, mein Computer soll beschlagnahmt werden.
„Bedenken gegen die Verhältnismäßigkeit der Anordnung bestehen nicht“, hat ein Richter N. vom Amtsgericht Weimar dort unterschrieben.
Erst als ich die von mir mit Zetteln markierten Logfiles in der Aktenmappe des PHM M. erkenne, dämmert es mir allmählich.
Als der Beamte auf der Suche nach irgendeiner Unterlage ist, sehe ich, dass bei Herrn B. auch eine Hausdurchsuchung oder Beschlagnahmung stattgefunden hat. (Name geändert)

(Zur Erläuterung: Herr B. wohnte im März 2007 zwei Etagen über mir und besaß einen W-Lan Anschluss. Als ich einzog, einigten wir uns darauf, das ich mich zur Hälfte an den Kosten für das Internet beteilige und dafür seinen W-LAN Anschluß mitbenutze. Herr B. zog irgendwann im Sommer um, ich selbst dann ja auch wenig später.)

Nachdem ich den Beamten meinen PC übergeben habe, fragt mich PHM M., ob ich zu den Vorwürfen Stellung nehmen möchte. Ich frage die beiden Beamten, ob sie sich mit dem Thema Internet und IP Adressen auskennen, inwieweit es also Sinn macht, Stellung zu nehmen.
Ich schaue in zwei ratlose Gesichter und erkläre dann aber trotzdem, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss, da ich derjenige bin, der die Meldung gemacht hat und dessen Logfiles nun um inzwischen 6:30Uhr auf dem Küchentisch liegen.

Nachdem mir mitgeteilt wurde, dass Staatsanwalt M. aus Detmold das Verfahren leite und ich innerhalb einer Woche Beschwerde einlegen könne, verabschieden sich die beiden Beamten.

9:00 Uhr:
Ich glaube zu diesem Zeitpunkt noch etwas naiv, dass sich die Verwechslung mit einem Hinweis und einem Blick in die Akten aufklären lässt.

Staatsanwalt M. ist überhaupt nicht begeistert, als ich ihn am Vormittag anrufe, macht sich aber immerhin die Mühe mir mitzuteilen, dass nicht er sondern Staatsanwalt H. das Ermittlungsverfahren leite.

Staatsanwalt H. kann sich allerdings nur dunkel an den Fall erinnern und ist außerdem der Meinung, das Verfahren sei eingestellt worden.

9:30 Uhr
Noch immer etwas paralysiert erzähle ich meinen Eltern von den Geschehnissen.
Diese erklären mir, das ich mir umgehend einen Rechtsanwalt nehmen muß. Ich bin entsetzt, nicht nur dass gegen mich ermittelt wird und mein PC beschlagnahmt wurde, nun soll ich auch noch einen Anwalt bezahlen müssen. An diesem Vormittag habe ich mir gewünscht, nie mit dem Fall zur Polizei gegangen zu sein.

16:00Uhr:
Am Nachmittag dann die Gewissheit: Mit meiner IP Adresse ist die Nickname-Umbenennungen in
„schulmasaker in planung“ etc. nicht vorgenommen worden.
Da ich den Anschluss nicht alleine benutzte, konnte ich jetzt mit Sicherheit feststellen, dass unsere IP-Adresse zum Tatzeitpunkt anders lautete als die des Verursachers.
Dazu wurde deutlich, dass wir auch unterschiedliche Provider benutzten.
Den Nachweis darüber konnte mir ein Mitadministrator verschaffen.

17:00 Uhr:
Am Abend spreche ich das erste Mal, seit ich im März die Anzeige gemacht habe, mit jemandem, der sich tatsächlich mit der Materie auskennt.
Rechtsanwalt Arndt Stückemann von Stückemann & Sozien aus Lemgo weiß, wovon ich rede, als ich ihm erkläre, das die Polizei offenbar zwei IP Adressen miteinander verwechselt hat.

Meine IP Adresse kommt überhaupt nur ein einziges Mal ins Spiel: Als sie über das Internet Portal der Polizeiwache NRW aufgezeichnet wurde. Im Log ist eindeutig zu erkennen, dass der Verursacher eine andere IP-Adresse hatte.

22.11.2007

Rechtsanwalt Stückemann bittet um Einsicht in die Ermittlungsakte und legt Widerspruch ein.
Mit seiner Vermutung, dass bei optimalem Verlauf der Dinge der PC nicht vor drei Wochen wieder ausgehändigt wird, wird sich bestätigen.

07.12.2007
Auszüge aus dem Schreiben des Rechtsanwaltes A. Stückemann an die Staatsanwaltschaft Detmold:
Log
Log
Log

27.12.2007
Ich bin sauer, weil seit dem Schreiben, das die Staatsanwaltschaft am 10. oder 11.12 erreicht haben müsste, nichts passiert ist.
Mein Anwalt teilt mir mit, das er seit zwei Wochen probiert hat, Staatsanwalt H. telefonisch zu erreichen.
Heute hat er erfahren, das dieser erkrankt ist.

28.12.2007

Mein Anwalt informiert mich, dass er mit Staatsanwalt H. telefonieren konnte. Dieser hat nach eigener Aussage bereits Mitte Dezember schriftlich PHM M. in Weimar angewiesen, mir meinen PC auszuhändigen.
Ich soll vor Ort meine STEAM-ID vorzeigen, um auszuschliessen, das ich der Verursacher bin. Diesen Vorschlag als Ausdruck unseres guten Willen machte mein Anwalt. Ein Telefonat mit der Polizei Weimar ergibt: PHM M. ist bis Neujahr im Urlaub.

02.01.2008

Ich rufe PHM M. an und erfahre, dass er einen Brief der Staatsanwaltschaft Detmold soeben auf seinem Schreibtisch gefunden hat. Er fragt, ob ich meine STEAM-ID vor Ort vorzeigen könnte. Ich kann, mit der Option, auf einen
Online-Computer zugreifen zu können. PHM M. erklärt, dass es auf der Wache keinen solchen Computer gäbe.
Wir verabreden uns für den 03.01.2008 um 16 Uhr bei mir.

03.01.2008

PHM M. hat meinen PC und einen jungen Kollegen dabei, der sich offensichtlich
erkundigt hat, wie eine STEAM-ID aussieht und wie man sie aufruft.
Mein PC fährt nicht hoch, da sich Kabel für die Festplatten gelöst haben. Ich frage mich, wie das passieren kann, wenn der PC in der Asservatenkammer steht. Ausserdem stelle ich fest, das mein DVD Laufwerk sich nicht mehr öffnen lässt.

Nachdem der PC wieder betriebsbereit ist, verbinde ich mich mit einem unserer Server, und gebe als Nick „Polizei Weimar 16:15“ ein.
Der Kollege meint, ich dürfte auch meinen Nick verwenden, ich lehne ab.
Ich zeige meine STEAM-ID vor.
Die beiden Beamten verabschieden sich „in der Hoffnung“, nicht noch einmal wiederkommen zu müssen, um auf Grund neuer Beweise meinen PC wieder beschlagnahmen zu müssen.

Angesichts dieser Bemerkung gerät mein Glaube an die Kompetenz der Polizei erneut ins Wanken.
Falls nämlich ihre Unterstellung richtig wäre, brauchte ich nun schliesslich nur meine Festplatte zu vernichten…

Bestürzt haben mich die beiden Durchsuchungsbeschlüsse der Richter, die „keine Bedenken gegen die Verhältnismäßigkeit der Anordnung der Durchsuchung“ hatten. Auch bei solch gravierenden Eingriffen wird sich offensichtlich nicht näher mit der Akte beschäftigt.
Dem Bürger wird die Notwendigkeit der viel diskutierten „Online Durchsuchung“ wegen Terrorgefahr vorgegaukelt – Angst haben müsste man aber eigentlich vor der fehlenden Kompetenz der „Durchsucher“.

Ich frage mich zum Beispiel, wie es sich auf eine Familie auswirkt, wenn ihr Computer auf Grund solch fahrlässigen Umgangs mit IP-Adressen fälschlicher Weise wegen des Verdachtes auf Kinderpornografie beschlagnahmt wird.

6 Reaktionen zu “"Schulmassaker in Planung"?…”

  1. Herr T. aus KBH

    Ich kann es nicht fassen. Diese Gesichte ist ohne Worte. Wir schwahnt inzwischen dass sich das Deutsche Polizeiwesen auf Abwegen der George W. Bush Administration aka CIA und FBI (oft genug ähnlich unfähig, aber in jedem Fall kompetenter in der Sache) befindet.

    Erstmal draufhauen. Proteste werden später entgegen genommen, genau so wir der Betrieb normal funktionierender Gehirne normal arbeitender Polizeibeamter – das kommt später. War das nicht auch so im wilden Westen?

    Play it again, Deutsche Polizei!

  2. Ixbidie

    Vielen Dank für diesen Bericht. Solche Erfahrungsberichte sind, so denke ich, sehr wichtig, weil sie sonst in der Masse von „repräsentativen“ Umfragen utnergehen und das Problem an sich nciht genau darstellen.

    In der Tat ist es so, das die Beamten der Polizei, häufig noch „relativ“ alt sind, und sich in keinster Weise mit dem Medium „Pc“ auskennen. Leider ist diese Art von Inkompetenz Vielerorts zu sehen. Die Polizisten amchen einen auf dicke Hose, aber letztlich ist dahinter nur heiße Luft.

    Und auch die Richter handeln und „richten“ ohne jegliche Vorkenntnisse, wie ich auch schon öfters feststellen musste.

    Man kann dagegen leider nicht mehr tun, als sich auf siene Rechte zu berufen:
    – schweigen (nicht versuchen die polizisten zu belehren, es ist zwecklos)
    – durchsuchungsbefehl vorzeigen lassen
    – man darf auch ne Kopie davon FORDERN
    – bei hausdurchsungen kann man einen Zeugen fordern. Falls die Polizisten zu Zweit sind, darf der zweite, der evtl. als Zeuge fungiert, nicht mit durchsuchen.

    mehrere Infos sucht ihr euch am besten selbst.

    Aber wichtig ist, dass man beschied weiß, in zeiten, wo das Internet und „Killerspiele“ verstärkt in den Focus unserer inkompetenten Politik und ungebildeten Gesellschaft rücken.

    MFG
    Ixbidie

  3. s23

    quote:
    Ich frage mich zum Beispiel, wie es sich auf eine Familie auswirkt, wenn ihr Computer auf Grund solch fahrlässigen Umgangs mit IP-Adressen fälschlicher Weise wegen des Verdachtes auf Kinderpornografie beschlagnahmt wird.

    mit etwas glück etwa so:
    http://www.heise.de/newsticker/IP-Verwechslung-fuehrt-zu-falschem-Kinderporno-Verdacht–/meldung/105094

  4. Andreas

    Das Problem ist, dass es einfach zuviele Leute gibt, die den ernst nicht sehen und sich dann versuchen so zu profilieren.

  5. Sandra

    Ist das tatsächlich ein Wunder? NEIN, ich glaub nicht, denn das wissen wir doch im Geheimen schon Lange das das Polizeiwesen in Deutschland nicht das beste ist oder? Wir sind selbst zeitlebens für das verantwortlich zu machen was wir uns freiwillig eingefangen haben. Unser System krankt etwas….oder doch eher stark? Mit Schrecken denke ich daran falls mir so was mal passieren sollte, was immer möglich ist in unserer Zeit!

  6. Fabian

    Mir ist mal etwas ähnliches passiert! Die Polizei hat gegen mich ein Verfahren wegen eines illegalen Downloads eingeleitet, obwohl ich so etwas niemals tun würde. Am Schluss stellte sich heraus, dass die Polizei lediglich die IP-Adresse vertauscht hatte.
    Kapiert haben sie es aber erst, als ich darauf hinwies, dass der Bittorrent-Client eMule nicht für Mac angeboten wird.